Meisterwerke der Reformation (28.11.2017)
Kantorei an der Peterskirche, Kammerphilharmonie Mannheim und vier Solisten singen und musizieren wie aus einem Guss „Meisterwerke der Reformation
Beim Schlusschor von Albert Beckers Reformationskantate musste Anne-Christine Langenbach die Kantorei an der Peterskirche und das Orchester der Kammerphilharmonie Mannheim eher bremsen als forcieren. So gewaltig, so mitreißend war das Finale, in dem das Wort Gottes und seine ewige Gültigkeit gepriesen werden. Mehr Strahlkraft, mehr Pracht und mehr Zuversicht konnte man sich an einem Abend, der dem Reformationsjubiläum gewidmet war, nicht wünschen.
Es ist kaum zu glauben, dass dieses Juwel der Kirchenmusik, das der Berliner Kompositionslehrer Albert Becker schuf und das 1883 uraufgeführt wurde, in Vergessenheit geriet und in den vergangenen 20 Jahren nur zweimal aufgeführt worden war. Anne-Christine Langenbach hatte die richtige Spürnase, begab sich vor mehr als zwei Jahren auf die Suche und arbeitete sogar mit Kollegen aus Lemgo zusammen, wo die Kantate jetzt auch in der Kirche St. Nicolai aufgeführt wurde, um die Noten für die Weinheimer Inszenierung beisammenzuhaben.
Musikalisch wurde die von Martin Luther zitierte „feste Burg“ des Glaubens an den Erlöser und an den selbstbestimmten Gläubigen am Samstag in der vollbesetzten Peterskirche „gebaut“. Sozusagen das Fundament des Abends bildeten Johann Sebastian Bachs Kantate „Ein feste Burg ist unser Gott“ und Felix Mendelssohn Bartholdys Choralkantate „Wir glauben all an einen Gott“. In Bachs Werk, bei dem nur der Einstieg in die Motette des Eingangschors leicht holprig verlief, ließ Sopranistin Cornelia Winter bereits ihre erfrischende, in Koloraturen sichere Stimme hören und stemmte sich Vinzenz Haabs kräftiger, warmer Bass gegen die Versuchungen des Satans. Kirsten Schwarz (Alt) und Martin Steffan (Tenor) priesen die Seligkeit derjenigen, die „Gott im Munde tragen“.
Wer hätte gedacht, dass Bach und Mendelssohn, trotz ihrer großartigen Kompositionskunst, später zu Vorspeisen eines vortrefflichen Hauptgangs wurden. Das Orchester war zu voller Stärke aufgestockt worden. Alleine die Tatsache, dass vier Hörner Position bezogen, war ein Zeichen für weitere Festlichkeit und musikalische Strahlkraft, die sich bei Beckers Reformationskantate schon in der Einleitung entfaltete, die so opulent wie bei Wagner gestaltet ist. Mystisch und tragisch steigt das „Aus tiefster Not“ auf; wie „Ein feste Burg“ ein Lutherlied mit starkem Bezug zur Bibel.
In zwölf Chorälen, Soli und einem Duett von Altistin Kirsten Schwarz und Sopranistin Cornelia Winter durchlebten die zu Hochform auflaufende Kantorei, die aus einem Guss spielende Kammerphilharmonie und Solisten den Kampf des Reformators mit Unterdrückung durch Kirchenobrigkeit, mit Glaubenskrisen und Prüfungen bis zur Seligkeit, die der feste Glaube dem Geprüften schenkt. Hell wie Glockenspiel ließ Cornelia Winter solo „des Christen Herz auf Rosen“ erblühen. Kompositorische Anklänge von Bach und Mendelssohn verschmolzen mit wagnerischer Dynamik bei Albert Becker zu einem sich dramaturgisch steigernden Erlebnis. Der anschließende, minutenlange Beifall war mehr als verdient. Diese Noten sollte Anne-Christine Langenbach gut aufbewahren.
Jürgen Drawitsch, Weinheimer Nachrichten 30.10.2017