Georg Friedrich Händel: Messiah (27.11.2016)

Wenn sich die ganze Kirche erhebt

Prachtvolle Musik bot am Sonntag zum Auftakt der Vorweihnachtszeit das Oratorium „Messiah“ von Georg Friedrich Händel in einer Aufführung der Kantorei an der Peterskirche, der Kammerphilharmonie Mannheim sowie der Solisten Jasmin Hörner (Sopran), Christian Rohrbach (Countertenor), Martin Erhard (Tenor) und Matthias Horn (Bariton) unter Leitung von Anne-Christine Langenbach. Die Stiftung Chorklang der Gemeinde an der Peterskirche ermöglichte den Besuch der Aufführung bei freiem Eintritt.

Es gehört ganz sicher zu den größten Wünschen eines Chorsängers, wenigstens einmal dieses „Halleluja“ zu singen, sich gemeinschaftlich von Oktave zu Oktave in begeisterndem Gotteslob emporzuschrauben in D-Dur, der festlichsten aller Tonarten, und begleitet von Orchesterklang den König der Könige zu feiern. Die fast 100 Sängerinnen und Sänger der Kantorei an der Peterskirche haben es am ersten Adventssonntag erlebt, und nahezu 1000 Besucher in der voll besetzten Kirche waren dabei, erhoben sich allesamt zum Ende des zweiten Teils von ihren Plätzen, einem Brauch folgend, der auf den englischen König Georg II. zurückgehen soll, der beim Erklingen dieses weltberühmten Chorsatzes aufgesprungen sein soll.
 
Mit der Aufführung des „Messiah“ (der Gesalbte), des bekanntesten Oratoriums von Georg Friedrich Händel (komponiert 1741), setzte die wieder einmal souverän, unspektakulär aber akzentuiert dirigierende Anne-Christine Langenbach die Tradition kirchenmusikalischer Glanzlichter in der Peterskirche fort. Beim Blick auf die Zusammenarbeit mit der Kammerphilharmonie Mannheim möchte man inzwischen fast empfehlen: Never change a winning Team, und das Kleeblatt der Solisten ließ sich zusätzlich von der besonderen, warmen Atmosphäre des Kirchenraums inspirieren und seine Stimmen zu Werkzeugen der Verkündigung werden.
 
Vielgestaltige Chorsätze
Elegante und strenge Instrumentalpassagen, zwischen Melodik, Dramatik und Ruhe variierende Arien und vielgestaltige Chorsätze machen Händels Vertonung des Lebens, Sterbens und Auferstehung des Erlösers zu einem Hochgenuss. Hier können alle Beteiligten aus dem Vollen schöpfen, erhalten alle Gelegenheit zur Entfaltung, und über allem breitet sich ein verzaubernder Mantel der Spiritualität. Auch wenn sein Name nicht ein einziges Mal genannt wird, so ist doch klar, von welchem Erlöser, von welchem Gesalbten hier die Rede ist. Charles Jennens lässt in den von ihm ausgesuchten Texten zunächst den Propheten Jesaja zu Wort kommen. Tenor Martin Erhard trat noch stimmlich zurückhaltend, aber akzentuiert und wohlklingend als Botschafter auf, der dazu aufforderte, für denjenigen, der kommen wird, die Täler zu erhöhen und die Hügel zu ebnen.
 
In der Mitte des ersten Teils, beim Wechsel von Jesaja zum Lukas-Evangelium, brachte Jasmin Hörner die Koloratur ihres Soprans beim Auftritt des Engels des Herrn glanzvoll zur Geltung. Zusammen mit Christian Rohrbach, der als Countertenor die Rolle der ausgefallenen Altistin Anne Bierwirth übernahm, bot sie eines der wenigen Duette des Oratoriums. Beide lobpreisten mit Worten aus dem MatthäusEvangelium den treu sorgenden Hirten.

Auch die Kantorei setzte Zeichen, sandte zu Beginn des zweiten Teils das „Wahrlich“ laut und kraftvoll in den Raum, und später mutete es an einer Stelle des Psalm 68 an, als wollten die Männerstimmen die Passage „Der Herr gab das Wort“ tatsächlich in den Stein der Peterskirche meißeln.
 
Rasende Völker
Sehr aktuell mutete alsdann die Passage in der Arie des mit großer Ausdruckskraft agierenden Bariton Matthias Horn an, als er klagte: „Warum rasen die Völker so wütend, und warum reden die Menschen Vergebliches?“ Der „Messiah“ ist nicht nur wegen des berühmten „Halleluja“, das zeitweise im Internet auf der Beliebtheitsskala sogenannter „Flashmobs“ (spontane öffentliche Gruppenauftritte) ganz oben stand, ein Oratorium, das den Menschen Hoffnung und Trost in einer Zeit spendet, die allzu oft von  Angst und Unsicherheit geprägt ist. Ein Zeichen setzte diesbezüglich auch die Stiftung Chorklang an der Peterskirche, die am Sonntag die Aufführung bei freiem Eintritt anbot, um möglichst vielen Menschen den Besuch zu ermöglichen.

Wer gekommen war, konnte erleben, wie Händel im dritten Teil noch einen wundervollen Dialog zwischen Bass-Arie und königlicher Po  saune als Zeichen des Sieges des Gesalbten über den Tod komponiert hat, und dass auf das „Halleluja“ noch ein Höhepunkt folgt: das „Amen“ des Chors; ein Triumphzug der Fuge schlechthin, die sich am Ende der gut zweistündigen Aufführung wie ein Monument aufbaut und in Begleitung von Pauken und Trompeten in minutenlangen, begeisterten Schlussapplaus mündet.
 
Jürgen Drawitsch, Weinheimer Nachrichten 29.11.2016