Johann Sebastian Bach: Johannespassion (12.03.2016)

Konzert: In der Peterskirche wird die Johannes-Passion aufgeführt

Am Ende steht die Versöhnung mit Gott

Weinheim. In der voll besetzten Peterskirche erlebten die Zuhörer am Samstagabend die Leidensgeschichte Jesu Christi in einer ganz besonderen Art. Die von Johann Sebastian Bach einzigartig vertonte Passions-Geschichte erfuhr unter der Leitung von Bezirkskantorin Anne-Christine Langenbach eine ebenso berührende wie packende Wiedergabe.
Neben den handelnden Personen: Jesus, Petrus, Pilatus und dem Erzähler spielte der bestens eingestimmte Chor, bestehend aus der Kantorei an der Peterskirche und dem Jugendchor „vivida banda“, die unterschiedlichsten Rollen. War er eben noch als Stimme des Volkes zu vernehmen, welches das Geschehen eher meditativ kommentierte, mutierte er gleich darauf zum wütenden Straßenmob, der die Kreuzigung des „Judenkönigs“ forderte. Mit leisen Tönen und sensiblen Einspielungen untermalte das Ensemble der Kammerphilharmonie Mannheim Bachs zweistündiges „Passionsdrama“.
Der hohe Erzählanteil bei der Johannes-Passion gab Achim Kleinlein als Evangelist häufig die Möglichkeit, seinen hellen, facettenreichen Tenor einzusetzen. Darüber hinaus entfaltete er in den Arien und Duetten ein beachtliches lyrisches Potenzial. Das Werk enthält eine große Anzahl von Chorälen, die den Gemeindegesang repräsentieren, während die Arien sehr individuell gehalten sind und in der Ich- oder Wir-Form gesungen werden. Zudem stand jeder Solist im Duett mit Instrumenten wie Oboe, Flöte oder Violoncello.
Grandios bewältigte Martin Lehr mit seinem tiefen, Autorität erzeugenden Bass die Partie des Jesus, ebenso überzeugte er in den Bass-Arien. Auch Timothy Sharp, dem zweiten Bass, gelang es in den Arien, jede Ausdrucksnuance mit großer stimmlicher Souveränität zu singen. Überzeugend wirkte auch die Sopranistin Cornelia Winter in der Arie „Zerfließe mein Herz“, als sie mit großer Sensibilität ihren Schmerz über den Tod Jesu darstellte. Kirsten Schwarz verströmte warmen Alt-Glanz in der Arie „Es ist vollbracht“. Auch wenn dem Orchester in der Johannes-Passion keine großen eigenständigen Parts zukommen, überzeugten die Musiker der Kammerphilharmonie Mannheim durch Klangschönheit und große Flexibilität in der Abstimmung mit den Gesangs-Partnern.
Bewundernswert war die Leistung des großen, gemischten Chores, der sich im zweiten hochdramatischen Teil zunehmend steigerte und mit Solisten und Orchester eine Einheit bildete, die von der Tiefe der Empfindungen über Anmut bis zur klanglichen Fülle reichte. Dabei ließ die dramatische Handlung beim Hörer wie von selbst eine imaginäre Szenerie entstehen.
Im Gegensatz zu Bachs Matthäus-Passion verkörpert Jesus in der Johannes-Passion den entsagungsvollen Sohn, der sich ohne Hader und Furcht ans Kreuz schlagen lässt, um den Willen des Vaters zu erfüllen. Ein weiter Bogen spannte sich vom großen Eingangschor „Herr unser Herrscher“ zum Ende der Leidensgeschichte mit dem Schlusschor „Ach Herr, lass’ dein lieb Engelein am letzten End die Seele mein“, interessanterweise spielt dabei weniger der Tod Jesu eine Rolle als die Versöhnung des Volkes mit Gott. Für die Dirigentin Anne-Christine Langenbach sowie für die ausdrucksstarken Akteure gab es am Ende den verdienten lang anhaltenden Applaus.
Die Johannes-Passion ist auch ein interessantes Stück Musikgeschichte. Neben der Matthäus-Passion ist sie die einzige vollständig erhaltene echte Passion von Johann Sebastian Bach. Als am Karfreitag des Jahres 1724 Bachs Johannes-Passion in der Leipziger Nicolaikirche zum ersten Mal erklang, war dies ein aufsehenerregendes Ereignis. Erstmals nach seinem Tod wurde die Johannespassion am 21. Februar 1833 durch Carl Friedrich Rungehagen zur Aufführung gebracht. rav
 
Weinheimer Nachrichten 14.03.2016