Johannes Brahms: Ein deutsches Requiem (22.11.2014)

Bis heute überzeugt und bewegt „Ein deutsches Requiem“ von Johannes Brahms, das die Kantorei an der Peterskirche aufführte und dabei Sinn und Gehalt der Komposition transparent machte.

Es ist bei diesem einzigartigen Werk der Kirchenmusik nicht von der Hand zu weisen, dass sein Optimismus denen zu schaffen macht, denen kein Glaube die Gewissheit gibt, dass die Toten selig sind. Wer diesen Glauben oder die Hoffnung aber hat, der findet in dieser Musik Trost.

Den Text, der die Komposition inspiriert und gestaltet, hat Brahms selbst aus den Worten der Heiligen Schrift zusammengestellt. Das Werk schöpft seine Wirkung aus dem Formsinn und aus der Erfindungskraft, mit der Brahms die sieben Sätze zu einer Folge von Bildern verbindet, in denen Ernst und Tiefe in der musikalischen Gestaltung gleichermaßen zu finden sind. Sind doch aber auch die Brahms‘schen Klangfarben von geradezu überraschender Wirkung. Die Kantorei hatte sich nicht nur fabelhaft vorbereitet, sondern auch den festen Willen, die Aufführung zu einem außergewöhnlichen emotionalen Erlebnis werden zu lassen. Dafür sorgte auch, dass der im Altarraum aufgestellte 110-köpfige Chor (Kantorei verstärkt durch den Jugendchor) optisch nicht nur sehr gut ins Blickfeld kam, sondern auch akustisch ausgezeichnet über die Mannheimer Kammerphilharmonie mit ihren 40 Musikern hinweg kam.

Die Dirigentin, Bezirkskantorin Anne-Christine Langenbach, setzte gleich zu Beginn markante Akzente mit der einleitenden Seligpreisung, ganz von innen heraus und überaus nuanciert gestaltet. Sie ging von einer bruchlos realisierten, sensibel von Chor und Orchester verwirklichten Klangeinheit aus, aus der sie nach der jeweiligen Intention des Komponisten instrumentale und vokale Partien herausmodellierte und vorsichtig wieder zurücknahm, Kantilenen aufblühen, Textaussagen in präziser Klarheit hervortreten ließ. Die Art wie Langenbach die Akzente setzte, war schon bezeichnend und ließ auf eine musikalische Bindung zu diesem Werk schließen. Dem grauen Unisono des zweiten Teils „Denn alles Fleisch es ist wie Gras“ stellte sie nicht lapidar die Freude des „Erlöseten Herrn“ gegenüber, sondern machte daraus eine Antwort.

Großartig wie Vinzenz Haab mit den Worten „Herr, lehre mich“ aus Psalm 39, 5-8 mit seiner kultivierten, substanzhaltigen Bariton-Stimme den dritten Teil des Requiems eröffnete und nach all dem was zwischendurch geschah der Höhepunkt des Satzes erreicht wurde, als der Chor mit Sopranstimmen zitierte: „Nun, Herr, wes soll ich mich trösten“, die verzweifelte Frage sich leise in verhaltener Erregung wiederholte und die Antwort sich im Satz der Singstimmen „Ich hoffe auf dich“ findet.

Wunderschön wie sich im vierten Teil ein fließender, meist vierstimmiger Chorgesang entwickelte und sich zur Lobpreisung steigerte: „Wie lieblich sind deine Wohnungen, Herr Zebaoth“, Psalm 84, 2-3 und 5. Wie die Ecksätze die Dimension des Werkes bestimmen, zeigte der fünfte Teil, als nach gedämpften Streichern der Solo-Sopran sang: „Ihr habt nun Traurigkeit, aber ich will euch wiedersehen“, Johannes 16, 22. Der Chor begleitete leise.

Sopranistin Julia Weigel sang mit einem luxuriös timbrierten schlanken Sopran, aber mit überschaubarer Reichweite. Leise und verhalten sang der Chor im sechsten Teil „Denn wir haben hier keine bleibende Statt“, Hebräer 13, 14, dem der Bariton die verheißenden Paulus-Worte entgegenhielt: „Siehe, ich sage euch ein Geheimnis“, 1. Korinther 15, 51-52 und 54-55. Aber dann verfärbte sich der Klang, als der Chor am Schluss des sechsten Requiem-Satzes in Fortissimo-Akkorden gellte: „Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg“, bevor die große Fuge „Herr, du bist würdig“ den Glauben an die Überwindung des Todes besiegelte. „Selig sind die Toten“ sang der Chor am Ende. Konsequent hatte die Dirigentin das Werk geformt. Vorzüglich agierte das Orchester, korrespondierte reibungslos mit dem Chor.

Vorangestellt war dem Requiem die Studie „Sospiri“ von Edward Elgar, ein Leckerbissen für ein Orchester durch den reizvollen Wechsel zwischen arpeggienbegleiteter Melodie und eng verwobenem Dialog zwischen Orchester und Harfe in einem zauberhaften Zusammenklang. Am Ende gab es lange stehende Ovationen der Konzertbesucher für einen unvergesslichen Abend. (G.J.)
 
Weinheimer Nachrichten 25.11.2014