Mendelssohn Bartholdy: Elias (17.03.2012)

Ein Abend der die Seele beben ließ – Kantorei an der Peterskirche und Kammerphilharmonie Mannheim brachten Mendelssohn Bartholdys Oratorium „Elias“ zu Gehör.

Aufruhr der Massen, Not des Volkes, Verzweiflung über das eigene Leben: Um dem zu begegnen, muss man nicht erst die Zeitung aufschlagen. Das Ganze findet sich auch in Felix Mendelssohn Bartholdys Oratorium „Elias“, das von der Kantorei an der Peterskirche und der Kammerphilharmonie Mannheim unter der Leitung von Bezirkskantorin Anne-Christine Langenbach am Wochenende in der bis auf den letzten Platz besetzten Peterskirche in Szene gesetzt wurde.

MendelssohnsSpätwerk ist ein strenges barockes Tongebäude, ausgemalt mit romantischen Klangbildern. Um den Kampf der alten Götter gegen den gütigen „neuen“ Gott des Propheten geht es darin. Allerdings ist der „Elias“ viel mehr als ein musikalisches Schlachtengemälde. Er ist, und das macht ihn so modern, auch ein menschliches Drama von der Erlösungsbedürftigkeit des Menschen. Von seiner Sehnsucht nach Geborgenheit und seinem Ringen um einen Gott, der sich ihm statt als Institution von Angesicht zu Angesicht offenbart.

Anne-Christine Langenbach erwies sich als brillante Dramaturgin des Mendelssohn’schen Glaubenszeugnisses. Die Bezirkskantorin verstand sich gleichermaßen auf das Geistige in der Musik wie auf die groß angelegten Klangbilder, auf harte Kontraste wie subtile Klangmalerei.

Scheinbar mühelos wandelte sich unter ihrer Leitung der vorzügliche Chor vom rasenden Volk zur elysischen Engelsschar, durch deren Chorklang die biblisch verheißende „Klarheit der Herzen“ leuchtete. „Hebe deine Augen auf“: Ein Tonbuchhalter, wer beim berühmten Gesang der Engel keine Gänsehaut bekam. Langenbachs straffes, präzises Dirigat war einmal mehr Gewähr, dass Mendelssohns Glaubensbotschaft nicht verwässert wurde. Streckenweise hatte diese „Elias“- Interpretation geradezu archaische Wucht. Die Prophezeiung des Propheten schreckt auf: „So wahr der Herr, der Gott Israels lebet, es soll weder Tau noch Regen kommen.“ Markus Lemke singt das, ein großartiger Elias. Würde, Zorn, Verzweiflung, Demut: Alles teilt sich in seiner wandlungsfähigen Bass-Bariton-Stimme mit, die ihr Meisterstück in der wütenden „Hammer“-Arie macht: „Ist nicht des Herrn Wort wie ein Hammer?“ Der Eingangs-Prophezeiung folgt ein musikalischer Zeitraffer. Langenbach gibt der Dramatik des Werkes viel Raum und setzt großartige Akzente. Da ist jene Chorpassage, in der das Volk Gott um Barmherzigkeit bittet. Und genau diese Passage gestaltet die Bezirkskantorin mit jener Innigkeit und Zuversicht, die ihr Christ sein auszumachen scheint: Denn dass Gott barmherzig sein wird, daran lassen Langenbach, Chor und Orchester keinen Zweifel.

Ein erfrischendes Erlebnis bescherten die Solisten. Markus Lemkes warmer Bass verströmte jenes Urvertrauen, das Menschen von Geburt an eigen ist. Kirsten Schwarz’ edler Alt wandelte sich ausdrucksvoll vom Engel zur rachsüchtigen Königin. Und Alexander Dannecker leuchtete mit seinem schlanken Tenor gleichermaßen als Obadjah wie als Ahab. Sopranistin Nelly Palmer überzeugte vor allem ausdrucksstark in den mittleren Lagen. Aufhorchen ließen dazu Andrea Forschner (Sopran), Svenja Haag (Knabe)und Friedhilde Müller (Alt). Wunderschön leicht erklangen die Streicher, strahlend die Bläser. Herrlich warm ebnete das Cello Elias steinigen Weg in die Wüste, und selbst die Pauke jubilierte zuweilen. „Kommt zu ihm, so wird eure Seele leben“, hieß es im wunderbaren Schlussquartett. Die lebte längst durch die Musik, wie der begeisterte Applaus bestätigte.
 
Rhein-Neckar-Zeitung, 20.03.2012
 


Die Kantorei an der Peterskirche begeistert mit Felix Mendelssohn Bartholdys Oratorium „Elias“ mehr als 500 Besucher.


Über 500 begeisterte Menschen im Publikum, ein Chor mit etwa 60 Sängerinnen und Sängern, das exzellente Orchester der Kammerphilharmonie Mannheim und Solisten von besonderem Format. Das waren die Voraussetzungen für den triumphalen Erfolg bei der Aufführung des Oratoriums „Elias“ von Felix Mendelssohn Bartholdy. Dieser Erfolg hatte einen Namen: Anne-Christine Langenbach. Die Kantorin an der Peterskirche hat mit diesem Konzerterlebnis einen weiteren Stein für den hohen Leistungsstand der Kirchenmusik in Weinheim gesetzt.

Szenen aus dem Alten Testament. Obwohl die Peterskirche bis auf den letzten Platz besetzt war, suchten immer noch Besucher Einlass. Der musikalischen Leistung der Mitwirkenden kam auch die hervorragende Akustik in diesem Kirchenrund zugute. Auch wenn man den „Elias“ schon wiederholt gehört hat, wundert man sich immer wieder, welch großflächige Dramatik der Romantiker und Lyriker Mendelssohn bei diesem Oratorium geschaffen hat. Der Komponist erweist sich hier als feinfühliger Dramaturg und musikalischer Regisseur. Im „Elias“ wird die Handlung nicht von einem Erzähler in langen Rezitativen vorgestellt, sondern immer durch die handelnden Personen, durch direkte Aussage und Wechselrede, die auch in heftigen Streit mündet.

Es ist vor allem der Chor, der immer wieder neue Positionen besetzt. Die Mächtigkeit der Chöre wird vor allem im ersten Teil des Oratoriums deutlich. Das beginnt bereits nach einem kurzen Solo des Elias (Bass), der den Fluch Gottes verkündet „Es soll in diesen Jahren weder Tau noch Regen kommen“) mit der Ouvertüre des Orchesters, das sich zu immer größerer Heftigkeit steigert, bis er schließlich von dem kraftvoll einfallenden Chor noch verstärkt wird („Hilf Herr“ und „Herr erhöre unser Gebet“). Hier klagt der Chor als „Volk der Israeliten“ in Verzweiflung und Aufbegehren in der Dürrezeit.

Der erste dramatische Höhepunkt des Oratoriums mit dem wundervollen Doppelquartett „Denn er hat seinen Engeln befohlen“. Die Wiedererweckung des Sohnes der Witwe in Zarpath mit einem zauberhaften Dialog zwischen Bass und Sopran ist ein besonders leuchtender Bestandteil des Werks. Nahezu Operncharakter erhält das Oratorium, als der Prophet Elias vor dem König Ahab die Baalpriesterschaft herausfordert. Ein Feuerchor und das Gebet des Elias um Regen bilden einen weiteren dramatischen Höhepunkt in dieser Handlung mit Szenen aus dem Alten Testament.

Bewundernswerte Leistung. Der zweite Teil des Oratoriums, indem der Chor nicht mehr die dominante Rollespielt, wird zum großen Teil von den Solisten gestaltet. Das Volk will den Propheten töten, Elias flieht in Todessehnsucht in die Wüste. Ein großartiges Solo des Propheten ist seine Arie „Es ist genug“. Doch Engel trösten ihn mit dem berühmten a capella gesungenen Engel-Terzett „Hebe Deine Augen auf zu den Bergen, von welchen die Hilfe kommt“. Als Krönung seines Werkes komponierte Mendelssohn eine Szene, welche die Erscheinung Gottes darstellt. Hierbei stehen Chor und Orchester vor einer besonderen Herausforderung, die in das Zusammenwirken von Solisten und Chor mündet „Heilig ist Gott der Herr“. Mit dem Jubel „Der Prophet Elias brach hervor wie Feuer und sein Wort brannte wie eine Fackel“ führen Orchester, Chor und Solisten zum strahlenden Finale hin: „Herr, unser Herrscher, wie herrlich ist Dein Name!“ Zunächst mehrere Sekunden Stille – dann ein Beifallssturm von vielen Minuten.
 
Bewundernswert die Leistung des Chors der Kantorei. Die mehrfachen völlig unterschiedlichen Positionen wurden von ihm trotz oftmals sehr schwieriger Passagen mit den biblischen Texten souverän gemeistert. Die Kammerphilharmonie Mannheim ist gewiss eine musikalische Visitenkarte der gesamten Region. Der gekonnte Wechsel der Instrumentengruppen und die brillante Begleitung der Solisten waren wichtige Beiträge zu diesem großen Konzertabend. Die herausragende Solopartie sang als Elias der Bass-Bariton Markus Lemke, der sowohl in den dramatischen Szenen wie auch mit leisen Tönen eine überragende Leistung bot. Alexander Dannecker glänzte als Tenor vor allem in seinen geschliffenen Pianopassagen. Die samtdunkle Stimme der Altistin Kirsten Schwarz vermittelte immer wieder die ganz besondere Atmosphäre dieses Oratoriums. Es war beglückend zu erleben, wie die Sopranistin Nelly Palmer selbst die schwierigsten Höhen auch in einem vollen Orchestersound meisterte.
 
Weinheimer Nachrichten, 19.03.2012