Bach: h-Moll-Messe (14.05.2011)
Federleicht, beseelt und bewegend
Es gibt Momente in der Musik, die möchte man nicht vergessen.
Und dann gibt es Momente in der Musik, die kann man nicht vergessen – wie das „Benedictus“ aus Bachs Messe in h-Moll, das in der Peterskirche zu hören war: In klaren, feinen Bögen schwingt sich die Querflöte begleitet vom Cello auf, entspinnt im Dialog mit dem Tenor einen innig süßen Lobgesang – und in der spontanen Andacht des Augenblicks lässt selbst Dirigentin Anne-Christine Langenbach für einen Augenblick die Hände sinken, lauscht einer der vielleicht großartigsten Tonschaffungen aller Zeiten und „ihren“ Künstlern, die ihr großartig die Ehre erweisen.
So freundlich und gelöst das Dirigat wirkt, so gewissenhaft muss der Arbeiter sein, der dahinter steckt. Langenbach zeigt dem Chor der Kantorei an der Peterskirche und seinen instrumentalen Begleitern der Kammerphilharmonie Mannheim genau, wie sie den Bach haben will: tänzerisch, schwerelos, gefühlvoll. Geistliche Musik mit Geist halt. Und dazu gehören Witz, Finesse und viel Seele. Mit fast instrumentaler Klangqualität und häufig auch mit einem Lächeln setzte der Chor diese Wünsche um. Phrasen wie Bogenstriche, punktgenau getupfte Einwürfe, kompromisslose deutliche Sprache strukturieren das „Kyrie“.
Das „Gloria“ jauchzt, was das Zeug hält. Aus dem „Crucifixus“ spricht die nagelspitze Pein, aus den Auferstehungs- und Bekenntnispartien schießt die Glückseligkeit nur so heraus. Sagt einer „h-Moll-Messe“, so atmet er erst einmal tief durch. Das ist doch das große, einzigartige, durch nichts und nie-mand übertroffene Meisterwerk von Bach: Wer soll sich da dran wagen?
Anne-Christine Langenbach. Schon mit der umfangreichen Eingangsfuge ließ die Chorleiterin ihren Sinn für sorgfältige Registrierung, genau aufeinander bezogene dynamische Pläne und für Details erkennen. Die entweder expressiv, vor allem aber strukturell bedeutsam sind.
Dieselbe Genauigkeit ließ sie dem Chor angedeihen, der die beiden riesigen „Kyrie“-Partien beeindruckend souverän wiedergab. Auch im weiteren Verlauf ließen die Sänger ähnlich respektgebietende chorische Leistungen folgen. Der Schwung in Stücken wie „Et resurrexit“ oder „Osanna in excelsis“ war mitreißend, der verinnerlichte Ausdruck in „Et incarnatus“ und vollends in „Sepultus est“ war bewegend. Von sehr persönlichem Zuschnitt waren die Soli und Duette der vier Vokalsolisten, unter denen der Sopran ganz besonders gefordert ist.
Nelly Palmer zeichnete sich durch große Flexibilität, schönen weichen Stimmklang und in der schwierigen Arie „Laudamus te“ durch meisterhafte Verzierungstechnik aus. Zu ihr war im „Christe“ bereits die Altistin Kirsten Schwarz getreten, deren herrliche, in der Tiefe eher zurückhaltende, sonst aber wunderbar timbrierte Stimme dann im „Agnus Die“ kurz vor Schluss ergreifend zur Geltung kam. Dieter Wagners Tenor mag im Duett „Domine Deus“ etwas gar zu dramatisch akzentuiert worden sein, entfaltete aber in der „Benedictus“-Arie vollauf den markigen, aber flexiblen Schmelz seiner strahlenden Stimme.
Bassisten haben es in der h-Moll-Messe schwer. Im tief liegenden „Quoniam tu solus sanctus“ wird ihre Stimme von den finsteren Klängen des Jagdhorns und der Fagotte förmlich eingepackt. Aber Philipp Niederberger ließ beherzt einen kraftvollen Bass hören, der später in der baritonalerliegenden Arie „Et in spiritum sanctum“ voll zur Wirkung gelangenkonnte.
Die Kammerphilharmonie Mannheim hatte nebst den vielfältigen und anspruchsvollen Begleitfunktionen ebenfalls eine Reihe von Solisten zu stellen. Und sie alle, Geige, Flöte, Oboen, Fagotte, Horn, Trompeten und Pauken, trugen schöne, zum Teil kostbare, zum Teil brillante Soli bei und rundeten damit eine respektgebietende Wiedergabe des epochalen Werks würdig ab. Am Ende stehen die Beuscher auf, applaudieren minutenlang. Ein Wermutstropfen dennoch: Eine Messe, auch wenn sie hier außerhalb jeglichen liturgischen Ablaufs stand, durch eine gut fünfundzwanzigminütige Pause zu unterbrechen, erscheint dramaturgisch unverständlich.
So freundlich und gelöst das Dirigat wirkt, so gewissenhaft muss der Arbeiter sein, der dahinter steckt. Langenbach zeigt dem Chor der Kantorei an der Peterskirche und seinen instrumentalen Begleitern der Kammerphilharmonie Mannheim genau, wie sie den Bach haben will: tänzerisch, schwerelos, gefühlvoll. Geistliche Musik mit Geist halt. Und dazu gehören Witz, Finesse und viel Seele. Mit fast instrumentaler Klangqualität und häufig auch mit einem Lächeln setzte der Chor diese Wünsche um. Phrasen wie Bogenstriche, punktgenau getupfte Einwürfe, kompromisslose deutliche Sprache strukturieren das „Kyrie“.
Das „Gloria“ jauchzt, was das Zeug hält. Aus dem „Crucifixus“ spricht die nagelspitze Pein, aus den Auferstehungs- und Bekenntnispartien schießt die Glückseligkeit nur so heraus. Sagt einer „h-Moll-Messe“, so atmet er erst einmal tief durch. Das ist doch das große, einzigartige, durch nichts und nie-mand übertroffene Meisterwerk von Bach: Wer soll sich da dran wagen?
Anne-Christine Langenbach. Schon mit der umfangreichen Eingangsfuge ließ die Chorleiterin ihren Sinn für sorgfältige Registrierung, genau aufeinander bezogene dynamische Pläne und für Details erkennen. Die entweder expressiv, vor allem aber strukturell bedeutsam sind.
Dieselbe Genauigkeit ließ sie dem Chor angedeihen, der die beiden riesigen „Kyrie“-Partien beeindruckend souverän wiedergab. Auch im weiteren Verlauf ließen die Sänger ähnlich respektgebietende chorische Leistungen folgen. Der Schwung in Stücken wie „Et resurrexit“ oder „Osanna in excelsis“ war mitreißend, der verinnerlichte Ausdruck in „Et incarnatus“ und vollends in „Sepultus est“ war bewegend. Von sehr persönlichem Zuschnitt waren die Soli und Duette der vier Vokalsolisten, unter denen der Sopran ganz besonders gefordert ist.
Nelly Palmer zeichnete sich durch große Flexibilität, schönen weichen Stimmklang und in der schwierigen Arie „Laudamus te“ durch meisterhafte Verzierungstechnik aus. Zu ihr war im „Christe“ bereits die Altistin Kirsten Schwarz getreten, deren herrliche, in der Tiefe eher zurückhaltende, sonst aber wunderbar timbrierte Stimme dann im „Agnus Die“ kurz vor Schluss ergreifend zur Geltung kam. Dieter Wagners Tenor mag im Duett „Domine Deus“ etwas gar zu dramatisch akzentuiert worden sein, entfaltete aber in der „Benedictus“-Arie vollauf den markigen, aber flexiblen Schmelz seiner strahlenden Stimme.
Bassisten haben es in der h-Moll-Messe schwer. Im tief liegenden „Quoniam tu solus sanctus“ wird ihre Stimme von den finsteren Klängen des Jagdhorns und der Fagotte förmlich eingepackt. Aber Philipp Niederberger ließ beherzt einen kraftvollen Bass hören, der später in der baritonalerliegenden Arie „Et in spiritum sanctum“ voll zur Wirkung gelangenkonnte.
Die Kammerphilharmonie Mannheim hatte nebst den vielfältigen und anspruchsvollen Begleitfunktionen ebenfalls eine Reihe von Solisten zu stellen. Und sie alle, Geige, Flöte, Oboen, Fagotte, Horn, Trompeten und Pauken, trugen schöne, zum Teil kostbare, zum Teil brillante Soli bei und rundeten damit eine respektgebietende Wiedergabe des epochalen Werks würdig ab. Am Ende stehen die Beuscher auf, applaudieren minutenlang. Ein Wermutstropfen dennoch: Eine Messe, auch wenn sie hier außerhalb jeglichen liturgischen Ablaufs stand, durch eine gut fünfundzwanzigminütige Pause zu unterbrechen, erscheint dramaturgisch unverständlich.
Weinheimer Nachrichten 19.05.2011
Die ganze Wucht der Auferstehung
Weinheim. (keke) Grund zum Nachdenken gibt wohl jede Aufführung von Bachs h-Moll-Messe. Ganz gleich, ob ein Vertreter der historisierenden Aufführungspraxis zu Werke geht oder ein traditionell orientierter Interpret die große Orchesterkulisse bevorzugt. Plastischer als am Samstag in der Peterskirche unter der Leitung von Anne-Christine Langenbach lässt sich das christliche Glaubensbekenntnis wohl kaum umsetzen.
Wenn das Credo die Lebensstationen Jesu beschreibt, dann macht Langenbach den Kantorei-Chor quasi zum Leib Christi: “et incarnatus est” – Gott ward Fleisch, heißt es. Da steigen die Stimmen ganz langsam und leise nacheinander einsetzend aus den Höhen zu uns herab. Gewollt schleppend klingt die Begleitung der Kammerphilharmonie Mannheim: Die Stimmen legen sich darüber ruhig und leiser werdend: “Cruzifixus” - Christus stirbt. Ohne Aufbegehren, eher traurig versiegend. Und dann bricht kraftvoll mit Pauken und Trompeten und flotten, befreiten Läufen das “resurrexit” herein – Auferstanden! Alles Bedrückende fliegt einem förmlich um die Ohren, Tod, Teufel, Sünde und Hölle werden niedergejubelt von der einen frohen Botschaft. Und gleichzeitig sprengt Bach gut lutherisch das finstere Mittelalter und seine Litaneien, lässt Menschenstimmen ihre Freiheit heraus singen.
Es bedarf schon eines herausragenden Chores und kenntnisreicher Solisten, um Musik so differenziert ausdeuten zu können. Langenbach gibt über weite Strecken zudem ein höchst zugiges Tempo vor. Ihre Bach-Auffassung ist licht, beschwingt und freudenvoll. Was durchaus in Kontrast zu mancher düster-traurigen Interpretation der h-Moll-Messe steht.
Keine Spur dazu von Pomp oder Rührseligkeit. Weder im Orchester, das mit seinem reinen Spiel besticht, noch bei den stimmlich bestens aufgelegten Solisten und schon gar nicht im Chor. Der sorgt vielmehr dank seiner Einheitlichkeit und gesanglichen Präzision dafür, dass sich die gut 400 Zuhörer selbst im engmaschigsten Stimmengewebe der langen Fuge des Eingangs-”Kyrie eleison” nicht verlieren.
Herrlich, wie Langenbach den Chorklang hier ebenso aufgehen lässt wie in der abschließenden Friedensbitte “Dona nobis pacem”: Ganz aus dem Piano heraus blüht der Chor immer weiter auf zu einem Wohlklang voller Zuversicht: Alles wird gut. Dynamisch perfekt ausgearbeitet auch das “Osanna in excelsis” mit seinem bewegten, klar akzentuierten Puls, dazu der Schluss des “Crucifixus”, bei dem zu den Worten “et sepultus est” wirklich ein letzter Lebensatem ausgehaucht zu werden scheint. Und auch an den Solisten gibt es nichts auszusetzen. Kirsten Schwarz und Nelly Palmer glänzten in ihren oft virtuosen Parts (“Laudamus te”) mit vibratolos klarem Alt und Sopran ebenso wie Dieter Wagner und Philip Niederberger mit warmem markanten Bariton und feinem Tenorklang zu überzeugen wussten.
Eine wohltuende Intensität des Ausdrucks bei gleichzeitig angenehmer Zurückhaltung zeigten nicht zuletzt die Instrumentalisten der Kammerphilharmonie. Sie traten stets an den richtigen Stellen hervor. Sei es mit reich gestalteten Phrasierungen (“Et in unum Deum”), sei es in den Soloparts, die sie gemeinsam mit den Gesangssolisten bestritten. Ein bewegendes Konzert, das das Publikum mit lang anhaltendem Beifall würdigte. Sieben Minuten applaudierten die Zuhörer.
Wenn das Credo die Lebensstationen Jesu beschreibt, dann macht Langenbach den Kantorei-Chor quasi zum Leib Christi: “et incarnatus est” – Gott ward Fleisch, heißt es. Da steigen die Stimmen ganz langsam und leise nacheinander einsetzend aus den Höhen zu uns herab. Gewollt schleppend klingt die Begleitung der Kammerphilharmonie Mannheim: Die Stimmen legen sich darüber ruhig und leiser werdend: “Cruzifixus” - Christus stirbt. Ohne Aufbegehren, eher traurig versiegend. Und dann bricht kraftvoll mit Pauken und Trompeten und flotten, befreiten Läufen das “resurrexit” herein – Auferstanden! Alles Bedrückende fliegt einem förmlich um die Ohren, Tod, Teufel, Sünde und Hölle werden niedergejubelt von der einen frohen Botschaft. Und gleichzeitig sprengt Bach gut lutherisch das finstere Mittelalter und seine Litaneien, lässt Menschenstimmen ihre Freiheit heraus singen.
Es bedarf schon eines herausragenden Chores und kenntnisreicher Solisten, um Musik so differenziert ausdeuten zu können. Langenbach gibt über weite Strecken zudem ein höchst zugiges Tempo vor. Ihre Bach-Auffassung ist licht, beschwingt und freudenvoll. Was durchaus in Kontrast zu mancher düster-traurigen Interpretation der h-Moll-Messe steht.
Keine Spur dazu von Pomp oder Rührseligkeit. Weder im Orchester, das mit seinem reinen Spiel besticht, noch bei den stimmlich bestens aufgelegten Solisten und schon gar nicht im Chor. Der sorgt vielmehr dank seiner Einheitlichkeit und gesanglichen Präzision dafür, dass sich die gut 400 Zuhörer selbst im engmaschigsten Stimmengewebe der langen Fuge des Eingangs-”Kyrie eleison” nicht verlieren.
Herrlich, wie Langenbach den Chorklang hier ebenso aufgehen lässt wie in der abschließenden Friedensbitte “Dona nobis pacem”: Ganz aus dem Piano heraus blüht der Chor immer weiter auf zu einem Wohlklang voller Zuversicht: Alles wird gut. Dynamisch perfekt ausgearbeitet auch das “Osanna in excelsis” mit seinem bewegten, klar akzentuierten Puls, dazu der Schluss des “Crucifixus”, bei dem zu den Worten “et sepultus est” wirklich ein letzter Lebensatem ausgehaucht zu werden scheint. Und auch an den Solisten gibt es nichts auszusetzen. Kirsten Schwarz und Nelly Palmer glänzten in ihren oft virtuosen Parts (“Laudamus te”) mit vibratolos klarem Alt und Sopran ebenso wie Dieter Wagner und Philip Niederberger mit warmem markanten Bariton und feinem Tenorklang zu überzeugen wussten.
Eine wohltuende Intensität des Ausdrucks bei gleichzeitig angenehmer Zurückhaltung zeigten nicht zuletzt die Instrumentalisten der Kammerphilharmonie. Sie traten stets an den richtigen Stellen hervor. Sei es mit reich gestalteten Phrasierungen (“Et in unum Deum”), sei es in den Soloparts, die sie gemeinsam mit den Gesangssolisten bestritten. Ein bewegendes Konzert, das das Publikum mit lang anhaltendem Beifall würdigte. Sieben Minuten applaudierten die Zuhörer.
Rhein-Neckar-Zeitung 16.05.2011