Angesichts der Fülle von Aufgaben, Projekten, Reisen und Aufführungen, die Sie mit verschiedenen Chören bewältigen, muss man sich fragen, woher Sie die Kraft für alles nehmen.
Anne-Christine Langenbach: Danke für die lobende Anerkennung. Ich glaube, es liegt vor allem daran, dass mir die Arbeit Spaß macht und dass ich ganz viel zurückbekomme. Es ist ein Geben und ein Nehmen.
Und es ist kein Sprint, sondern eher ein Marathon, den Sie jetzt über 20 Jahre hinweg an der Peterskirche hingelegt haben. Wie gelingt es immer wieder von Neuem, Menschen für das Singen zu begeistern und sie bei der Stange zu halten?
Langenbach: Es ist wichtig, zu erkennen, was ein Chor braucht. Das ist mehr, als zu proben und die passenden Noten zu wählen.
Was braucht es denn noch?
Langenbach: Das Rezept lautet: fordern, aber nicht überfordern. Man muss erkennen, auf welchem Niveau sich ein Chor bewegt, um ihm die passenden musikalischen Aufgaben zu stellen. Und wenn es um das Standvermögen geht, ist es wichtig, dass es neben den Proben auch gemeinsame Erlebnisse geben muss. Das kann ein gemeinsamer Kinobesuch oder ein Ausflug sein. Die Chormitglieder brauchen Zeit miteinander. Auch nach der Singstunde der Kantorei sitzen oft noch 20 bis 30 Personen beisammen, sprechen über Alltägliches und lassen den Abend gemeinschaftlich ausklingen. Man muss sich in einem Chor auch verstehen, um sich wohlzufühlen. Wenn man neben jemandem steht und singt, sollte die Chemie zu demjenigen stimmen. Ein Chor ist wie ein Instrument, das lebt.
Dann sind Sie als Chorleiterin auch ein bisschen Psychologin.
Langenbach: Eher Pädagogin. Man spricht von Chorpädagogik. Aber weil wir gerade in WM-Zeiten sind, fällt mir dazu eine Geschichte ein.
Erzählen Sie!
Langenbach: Wir hatten 2010 einen Chortag, und genau da spielte die deutsche Nationalmannschaft bei der WM in Südafrika gegen Argentinien. Ich dachte beim Public Viewing: Hoffentlich verliert Deutschland nicht, dann geht der Auftritt danach schief. Deutschland gewann sogar hoch, und der Chor war regelrecht beflügelt und sang so gut wie lange nicht. Es ist erstaunlich, zu erleben, was eine gute Stimmung beim Singen ausmacht.
Gut, dass am Samstag der Fußball in der Peterskirche nicht ins Weihnachtsoratorium grätschen kann. Warum ist gerade dieses Werk derart populär?
Langenbach: Neben der Tatsache, dass Johann Sebastian Bach ohnehin sehr beliebt ist und viele Werke von ihm in Deutschland aufgeführt werden, spiegelt das Weihnachtsoratorium alles, was wir hierzulande mit dem Fest verbinden. Die Geschichte von der Geburt wird erzählt und verbindet sich mit toller Musik. Der Wechsel zwischen dem Gesang der Solisten, der Kantorei und dem Orchester macht das Ganze zusätzlich abwechslungsreich.
Ist es schwer, Kantorei, Solisten und Orchester zusammenzuführen?
Langenbach: Das Heidelberger Kantatenorchester ist ja sehr bewandert in der Aufführung von Oratorien. Es kann sich auf Tempo-Varianten einstellen, die ich gerne vorher mit einigen Solisten kläre. Besonders spannend wird es dann aber bei der Generalprobe am Vortag der Aufführung. Zusammen haben wir nur vier Stunden Probezeit, um die Feinheiten zu justieren.
Das Weihnachtsoratorium war ursprünglich schon für das Jahr 2020 geplant. Da fragt man sich: War es angesichts der Verschiebung schwierig, die Kantorei bei der Stange zu halten?
Langenbach: Die Enttäuschung war natürlich zu spüren. Wir hatten 2020 mal über eine abgespeckte Version nachgedacht, diese aber wieder verworfen. Das Oratorium braucht die große Besetzung, um seine Wirkung entfalten zu können.
Haben die Verschiebungen auch etwas Positives? Sind inzwischen neue Sängerinnen und Sänger dazugekommen oder gab es eher Abgänge von Sängern, die angesichts der Pandemie resignierten?
Langenbach: Es gibt einzelne Kantorei-Mitglieder, die aus Vorsicht noch nicht mitsingen. Das ist zu akzeptieren. Einige ältere Chormitglieder hörten auf. Dieser Prozess, dass es altersbedingte Abgänge gab, hat sich durch die Pandemie beschleunigt. Erfreulicherweise gab es allerdings auch einige Neueintritte. Bei den Frauenstimmen haben wir derzeit sogar einen Aufnahmestopp. Das Projekt Weihnachtsoratorium war bezüglich neuer Sängerinnen und Sänger tatsächlich das erhoffte Zugpferd.
In welcher Stimmlage gibt es den meisten Bedarf?
Langenbach: Neue Tenorstimmen werden extra mit Handschlag begrüßt. Am Samstag wird die Kantorei wahrscheinlich in einer Stärke von um die 70 Sängerinnen und Sänger auftreten.
Wenn Sie auf die schwierige Zeit der Kontaktbeschränkungen zurückschauen: Gab es Phasen, in denen Sie denken mussten; Wie soll das weitergehen? Hoffentlich hören nicht so viele auf!
Langenbach: Bei den erwachsenen Sängern hatte ich da weniger Sorgen. Bei Kindern und Jugendlichen schon eher, wenngleich es auch da in diesem Jahr wieder ganz gut in Schwung kam. Allerdings ist es bei Kindern im Grundschulalter besonders schwierig. Sie sollen in der Folge der Pandemie einiges schulisch nachholen, außerdem Sportangebote wahrnehmen, um dem Bewegungsmangel entgegenzuwirken. Da konkurrieren die Freizeitangebote. Unterm Strich stehen wir allerdings gut da. In allen Chören zusammen und mit den Bläsern haben wir zwischen 350 und 400 Aktive.
Was macht Singen eigentlich so wertvoll, und was bewirkt es bei Menschen?
Langenbach: Ich würde sagen, es macht glücklich und zufrieden. Man bringt sich selbst zum Klingen, und das hebt die Stimmung. Es gibt Untersuchungen, dass das Singen bei Kindern die Konzentrationsfähigkeit steigert. Nicht zuletzt sorgt der Chorgesang für Gemeinschaft und fördert das Sozialverhalten. Dieses Gemeinschaftsgefühl haben zum Beispiel die Jugendlichen bei ihrer Konzertreise durch die USA als sehr wichtig und angenehm empfunden.
Schürt das Weihnachtsoratorium die Lust auf Neues, motiviert es zusätzlich?
Langenbach: Dieses Jahr lief ja alles schon wieder komplett normal. 2023 steht bei uns im Zeichen von „20 Jahre Singschule an der Peterskirche“. Da wird „Vivida banda“ im Sommer ein Konzert geben. Im Herbst ist wieder ein Musical geplant und am 25. November das Requiem von Mozart. Außerdem haben wir etwas Königliches zu bieten.
Darauf sind wir natürlich besonders gespannt!
Langenbach: Am 6. Mai, dem Tag der Krönungsfeierlichkeiten in England, führt die Kantorei gemeinsam mit meinem Mann englische Musik für Chor und Orgel auf mit Stücken von Henry Purcell, Werken der Romantik und der Moderne.